Den Wanderrucksack unter den Sitz geklemmt, die Hände fest in die Laptoptasche verkrallt, so sitze ich im Bus bei meiner ersten Fahrt nach Salamanca, einer zentralspanischen Stadt nordwestlich von Madrid. Auf der zweistündigen Fahrt von Madrid durch die Region Kastilien-León überrascht mich die Landschaft. So weit das Auge reicht – trockene Steppe, ein paar Bäume auf weiter Flur, und vor allem eins: Rinder, schwarz wie die Nacht. Während der Vorbereitungen für mein Auslandsjahr in Salamanca habe ich mir vorgestellt, wie herzlich die Spanier, immer ein Lächeln auf den Lippen, im Gegensatz zu den Deutschen sein würden. Deutschland – das Land der Bürokratie, einer Effizienzgesellschaft, in der vor allem zählt, wie viel man im Leben leistet. Ja, ich hatte großes Fernweh.
Multikulturelle Partystadt
Als wir uns Salamanca nähern, tut sich eine gewaltige Kulisse auf. Salamancas Kathedrale, kilometerweit zu sehen, erhebt sich auf einer Anhöhe mächtig über die gesamte Stadt, deren Altstadtgebäude aus gold schimmerndem Sandstein ebenfalls eindrucksvoll wirken. Eigentlich überschaubar mit knapp 160 000 Einwohnern, genießt Salamanca den Ruf einer Partystadt mit internationalem Flair, mit einer Kneipendichte, die den 32 000 Studierenden mehr als gerecht wird. Vor allem Lateinamerikaner tummeln sich hier, die oftmals wegen des guten Rufs der Universität nach Salamanca kommen.
Spanisches Laissez-faire
Ein Jahr im Ausland zu verbringen bedeutet vor allem, mit Klischees aufzuräumen: Nicht jeder Spanier ist freundlich und weltoffen, genauso wenig wie jeder Deutsche ernst und ordentlich ist. Die Erfahrung zu machen, an jedem möglichen und unmöglichen Ort – im Supermarkt, an der Uni – ein Nummernticket zu ziehen, um dann knapp eine Stunde zu warten, bis alle Nummern vor der eigenen in einer unendlichen Langsamkeit aufgerufen worden sind, lässt mich mit einem gelassenen Blick auf die angebliche deutsche Bürokratie blicken.
Das spanische Lebensgefühl des „Leben und leben lassen“ regt zum Nachdenken an: Steht Leistung wirklich jederzeit über dem Erleben des Augenblicks? Der Alltag im Leben meines spanischen Mitbewohners Vicente sieht so aus: Ab neun steht er auf, um bis mittags an die Uni zu gehen. Gemütliches Zusammensein im Wohnzimmer beim „Simpsons“ schauen während der Siesta ist spanische Lebensart. Abends geht es dann oft zum Salsa tanzen, ab zehn weiter, um Tapas zu essen. Die Devise lautet stets: „Tranquilo“ – ruhig, lass dir Zeit!
Ein paar Tage vor der Heimkehr nach Deutschland lässt man das gesamte Jahr Revue passieren: Man ist selbstständiger, vielleicht weltoffener geworden. Der ferne Blick auf Deutschland ist milder und versöhnlicher geworden, das Heimweh holt einen ein. Dinge wie Schwarzbrot, die deutsche Leistungsbereitschaft, das Gefühl für Perfektionismus, all das gehört zu einem selbst. Trotzdem: Viva España, ich hatte ein unvergessliches Jahr!
